Biographie Egon Schiele

von Rudolf Leopold
Aus: "Der Lyriker Egon Schiele. Briefe und Gedichte 1910-1912
aus der Sammlung Leopold", München 2008


Wie bei so vielen hervorragenden Persönlichkeiten hatte auch im Falle Schieles der Vielvölkerstaat der alten Monarchie Menschen der verschiedensten Abstammung und Wesensart angezogen und zu einer fast könnte man sagen österreichischen Einheit verschmolzen. Obwohl Schieles Vater (1850-1905) bereits in Wien geboren wurde, stammte die Familie väterlicherseits doch aus Norddeutschland.

Die im böhmischen Krumau geborene Mutter Schieles (1862-1935) hieß mit Mädchennamen Marie Soucup (Soukop). Ihre Ahnen waren Bauern, Handwerker und Gewerbetreibende aus dem südböhmischen Raum, zum Teil auch tschechischer Herkunft. Im Gegensatz zur väterlichen Ahnenreihe wiesen sie deutliche Standesunterschiede auf.

 
1890 bis 1905

1906 bis 1907

1909 bis 1912

1913 bis 1915
1916 bis 1918

Die Jahre 1890 bis 1905


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1890
Am 12. Juni dieses Jahres kommt Egon Schiele als drittes Kind des Oberoffizials der k. u. k. Staatsbahn Adolf Eugen Schiele und Marie Schiele in der niederösterreichischen Kleinstadt Tulln
zur Welt. Er wird auf den Namen Egon Leo Adolf getauft. Egon Schiele hat zwei ältere Schwestern, die 1883 geborene Elvira, die aber schon mit zehn Jahren stirbt und die 1886 geborene Melanie. Als jüngstes Kind der Familie wird Gertrude 1894 geboren. Sie steht ihm in seiner Frühzeit als Künstler oft Modell, häufig auch für Aktzeichnungen. Später wird sie sich mit dem Maler Anton Peschka verehelichen.

1890-1905
Während Egon Schiele die Volksschule besucht, fertigt er bereits Zeichnungen an – hauptsächlich vom Tullner Bahnhof und den dort stehenden oder rangierenden Eisenbahnzügen. Mit zehn Jahren besucht Schiele das Realgymnasium in Krems. Wegen schlechten Schulerfolgs schickt ihn sein Vater im Herbst 1902 nach Klosterneuburg an das Landes-Real- und Obergymnasium.
Bald beschweren sich dort die Lehrer, dass Egon den Unterricht durch Zeichnen stört. Als der Gesundheitszustand seines Vaters zunehmend schlechter wird und dieser schließlich seinen Dienst nicht mehr versehen kann, übersiedelt die Familie Schiele nach Klosterneuburg. Am Neujahrstag 1905 stirbt Adolf Schiele höchstwahrscheinlich an progressiver Paralyse.

Egon, Melanie und Elvira Schiele mit ihren Eltern, 1893
Privatbesitz (Foto: Josef Müller, Tulln/Herzogenburg)

 
Egon mit Schaukelpferd, Melanie und Elvira Schiele mit Eltern, 1893


Die Jahre 1906 bis 1907


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1906
Zum Vormund von Egon wird sein Onkel und Taufpate ernannt, der Ingenieur Leopold Czihaczek, der mit einer Schwester seines Vaters verheiratet ist. Wie schon der Vater, so sah auch der Onkel für Egon Schiele ein Studium an der Technischen Hochschule in Wien vor. Der mangelhafte Lernerfolg - er muss in diesem Jahr erneut die Klasse wiederholen – veranlasst aber Schieles Mutter sich an eine ihrer Schwestern, Olga Angerer, zu wenden, deren Mann einen chemigrafischen Betrieb besitzt. Egon soll dort als Zeichner unterkommen. In einem Brief vom 9. Juni 1906 erfährt Marie Schiele jedoch eine glatte Absage. Ein Besuch an der Wiener Kunstgewerbeschule wird in Erwägung gezogen. Die Zeichnungen, die Schiele dort vorweist, werden für so gut befunden, dass man ihm den Besuch an der Akademie für bildende Künste nahe legt. Als Schiele dort die Aufnahmeprüfung erfolgreich bestanden hat, schwinden auch die Bedenken des Vormundes, und er telegrafiert am 13. Oktober 1906 erfreut an seine Gattin: »Egon glänzend durch.«

Egon Schiele mit Onkel Leopold Czihaczek, 11.07.1908
Privatbesitz (Foto: Anonym)

1907
Mit großem Enthusiasmus stürzt sich Schiele in seine neue Aufgabe. Bald aber trübt sich das Verhältnis zwischen ihm und seinem noch immer dem »Ringstraßenstil« verhafteten Lehrer Professor Griepenkerl. Schiele sucht bereits in diesem Jahr die persönliche Bekanntschaft mit Gustav Klimt. Mit seiner jüngeren Schwester Gertrude reist er nach Triest; dort entstehen mehrere Studien nach dem Triester Hafenviertel.

Ausweis von Egon Schiele an der Akademie der Bildenden Künste Wien, 07.12.1908
Egon Schiele Archiv Albertina, Wien

 
Egon Schiele mit Leopold Czihaczek und Hund, um 1907



Ausweis von Egon Schiele an der Akademie der bildenden Künste Wien, 07.12.1908


Die Jahre 1909 bis 1912


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1909
Von Schiele werden bereits vier Werke in der Internationalen Kunstschau 1909 gezeigt, deren Ausstellungskomitee Gustav Klimt vorsteht. Auch den Architekten Josef Hoffmann lernt Schiele bei dieser Gelegenheit kennen und kommt dadurch wenig später mit der Wiener Werkstätte in Verbindung. Im April verlässt er nach drei Jahren die Akademie. Mit Gleichgesinnten gründet er die Neukunstgruppe. Dazu gehören unter anderem Anton Faistauer, Rudolf Kalvach, Franz Wiegele, Hans Ehrlich und auch der Komponist Löwenstein sowie der Theatermaler Erwin Dominik Osen (der vorübergehend einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf Schiele ausüben kann). Später treten noch Hans Böhler und Albert Paris von Gütersloh dieser Gruppe bei. Schiele ist ihr Präsident und Sekretär. Im Dezember präsentiert sich die Neukunstgruppe erstmals im Wiener Salon Pisko.

Anton Faistauer, Ausstellungsplakat der Neukunstgruppe im Salon Pisko, 1909
Antiquariat Weinek, Salzburg

1910
Im Herbst stellt Schiele wieder im Chorherrenstift Klosterneuburg aus. Der Eisenbahnbeamte Heinrich Benesch ist vom Bild einer Sonnenblume so begeistert, dass er beschließt, den Künstler persönlich aufzusuchen. Er sollte der beharrlichste Sammler von Schieles Zeichnungen und Aquarellen werden. Sie bilden heute einen wesentlichen Anteil der Schiele-Sammlung der Albertina, deren Direktor sein Sohn Otto Benesch von 1947 bis 1961 war.

1911
Seine künstlerische Eigenständigkeit hat Schiele bereits 1910 – mit 20 Jahren – erreicht, nicht aber die öffentliche Anerkennung. Immerhin verfasst Paris von Gütersloh 1911 einen Essay über den Künstler (»Egon Schiele – Versuch einer Vorrede«), und auch Arthur Roessler veröffentlicht über ihn einen bebilderten Aufsatz in der Monatsschrift Bildende Künstler.
Von April bis Mai kommt es in Wien, in der Galerie Miethke, auch zur ersten größeren Kollektivausstellung. Die Wiener Werkstätte lehnt in diesem Jahr fünf Postkartenentwürfe ab. Egon Schiele übersiedelt nach Krumau, der Heimatstadt seiner Mutter. Kurz zuvor macht er Bekanntschaft mit dem Modell Wally Neuzil. Er geht mit ihr eine freie Lebensgemeinschaft ein und nimmt sie mit nach Krumau. Dort beginnt eine überaus produktive Phase. Unter anderem entstehen fantastische, visionäre Stadtlandschaften. Bald aber läuft es der kleinstädtischen Gesinnung zuwider, dass Schiele auch sehr junge Krumauer Mädchen zu Aktstudien heranzieht und darüber hinaus in »wilder Ehe« mit Wally lebt. Schiele muss aus Krumau fort und lässt sich, nach einer kurzen Zwischenstation bei seiner Mutter in Wien, in Neulengbach nieder, einer Kleinstadt nahe Wien.

Oben: Paris Gütersloh, Essay "Egon Schiele - Versuch einer Vorrede", 1911






Schieles Gartenhaus in Krumau
 
Anton Faistauer, Ausstellungsplakat der Neukunstgruppe im Salon Pisko, 1909


Paris Gütersloh, Essay "Egon Schiele - Versuch einer Vorrede", 1911

Schieles Gartenhaus in Krumau

1912
Am 13. April wird Schiele in Neulengbach in Untersuchungshaft genommen und am 30. April ins Kreisgericht nach St. Pölten überstellt. Die Hauptbeschuldigung, eine Minderjährige verführt zu haben, erweist sich als haltlos. Weil Kinder aber gelegentlich in Schieles Atelier seine Aktstudien
zu Gesicht bekommen, scheint damit dem Gericht der Tatbestand der »Verbreitung unsittlicher
Zeichnungen« gegeben. Es verurteilt Schiele deswegen zu drei Tagen Arrest – die mit der 24-tägigen Untersuchungshaft verbüßt sind. Das alles bedeutet für Schiele einen schweren Schock. Die Zeit von Neulengbach, eine seiner produktivsten Perioden, ist nun endgültig zu Ende. An Arthur Roessler, der zur Zeit von Schieles Inhaftierung nicht in Wien ist, schreibt er am 18. Mai: »… Ich bin noch ganz zerrüttet. – Bei der Verhandlung wurde ein Blatt, dieses welches bei mir aufgehängt war, verbrannt. Klimt will irgend etwas tun, er sagte: da möchte heute dem und morgen dem das passieren, da könnten wir gar nichts machen was wir wollten …«


Egon Schiele, Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter, 1912
Leopold Museum, Wien
 
Egon Schiele, Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter, 1912


Die Jahre 1913 bis 1915


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1913
Schiele wird Mitarbeiter der Berliner Zeitschrift Die Aktion. In dieser von Franz Pfemfert herausgegebenen Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst werden seit 1913 sowohl Zeichnungen als auch Prosagedichte Schieles aufgenommen.

1914
In diesem Jahr kann sich Schiele erstmals auch außerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie
und Deutschlands an Ausstellungen beteiligen: in Rom (Internationale Sezession), in Brüssel und in Paris. Im Frühjahr lässt er sich von Robert Philippi in die Kunst des Holzschneidens und Radierens
einführen. Bis zum Sommer entstehen sechs Radierungen. – Mit dem Fotografen Anton Josef Trčka versucht Schiele eine Reihe von höchst eigenwilligen Porträtaufnahmen. Das dem Atelier Schieles in der Hietzinger Hauptstraße 101, Wien XII. gegenüberliegende Haus gehört zu dieser Zeit dem Schlossermeister Johann Harms, der darin mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern Adele und Edith wohnt. Im Januar dürfte Schiele die ersten
Annäherungsversuche gegenüber Edith unternommen haben. Aber erst zu Jahresende wird er mit den Schwestern bekannt.

1915
Schiele hat sich entschlossen, Edith Harms zu heiraten. Die Hochzeit findet am 17. Juni, vier Tage vor Schieles
Einberufung nach Prag am 21. Juni statt. Edith folgt ihm gleich nach Prag. Einen Monat später wird

Schiele nach Wien versetzt und kann hier und in der näheren Umgebung seinen Militärdienst verrichten.


oben: Anton Josef Trčka, Egon Schiele mit Pferdchen, 1914
Imagno Austrian Archives


Egon Schiele, Edith Schiele im gestreiften Kleid, sitzend, 1915
Leopold Museum, Wien


 
Anton Josef Trčka, Egon Schiele mit Pferdchen, 1914


Egon Schiele, Edith Schiele im gestreiften Kleid, sitzend, 1915

Die Jahre 1916 bis 1918


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1916
Die Zeitschrift Die Aktion veröffentlicht ein Egon-Schiele-Heft (Nr. 35/36).

1917
Schiele wird gemeinsam mit Albert Paris Gütersloh beauftragt die Kriegsausstellung 1917 im Prater zu organisieren.

1918
Am 6. Februar stirbt Gustav Klimt. Am folgenden Tag fertigt Schiele im Allgemeinen Krankenhaus
drei Zeichnungen von der Leiche Klimts mit glattrasiertem Kopf.

Egon Schiele, Kopf des toten Klimt, 1918
Leopold Museum, Wien

Im März stellt die Wiener Secession Schiele und seiner Gruppe ihr Gebäude zur Verfügung, Schiele selbst den Hauptsaal. Er ist mit 19 großen Gemälden und 29 zum Teil aquarellierten Zeichnungen vertreten. Künstlerisch und materiell bedeutet diese Ausstellung für ihn den ersten wirklichen Erfolg.
Aus einem Brief Schieles ist rekonstruiert, dass seine Gattin, die sich im sechsten Schwangerschaftsmonat befand, am 19.Oktober an spanischer Grippe erkrankte. Neun Tage später, am 28. Oktober um acht Uhr früh, verstarb sie. Am Abend zuvor hatte Egon Schiele sie noch zweimal gezeichnet. Es waren seine letzten Arbeiten. Er war bereits ebenfalls an Spanischer Grippe erkrankt. Und am 31. Oktober um ein Uhr früh verstarb er im Alter von 28 Jahren.



Martha Fein, Egon Schiele am Totenbett, 1918
Leopold Museum, Wien
 
Egon Schiele, Kopf des toten Klimt, 1918


Egon Schiele am Totenbett, 1918


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